Praxis Roland Hanik in München - Therapiezentrum für Hörschädigungen aller Art

     

          Praxis Roland Hanik
 
Therapiezentrum für Hörgeschädigte in München

  

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Tomate = Dummheit. Oder?

Absehen lernen – fast eine neue Sprache

Interview der Zeitschrift dezibel, Organ von pro audito Schweiz, mit dem Münchner Hörgeschä- digtenpädagogen Roland Hanik im Anschluss an einen Vortrag am schweizerischen Landenhof, der Schule für schwerhörige Kinder. Interessierte Audioagoginnen wurden dort in die von ihm ent- wickelte Absehtrainingsmethode eingeführt. Veranstaltet wurde die Weiterbildung von pro audito Schweiz.

 

 

"dezibel": Roland Hanik, Sie führen in München eine Praxis für Sprachtherapie für Hörgeschädigte. Wer kommt zu Ihnen?

Roland Hanik: Zu uns kommen sowohl schwerhörige Menschen, die das Absehen vom Mund lernen, ihre Artikulation verbessern, oder auch ihre Stimm- und Sprachqualität erhalten wollen, als auch Gehörlose. Für alle ist es wichtig, ihre Sprache und ihre Absehfähigkeit zu verbessern. Wir therapieren aber genauso Spätertaubte, Implantat- und Hörgeräteträger oder Menschen, die wissen, dass sie etwa nach einer Operation schwerhörig oder taub sein werden. Wir haben in unserer Praxis Kinder, Jugendliche, Berufstätige und Pensionierte. Der jüngste Patient ist derzeit neun Monate alt, der älteste 88 Jahre.

"dezibel": Lippenlesen – kann man tatsächlich Wörter und Sätze vom Mund ablesen, gibt es nicht zu viele Ähnlichkeiten von Lauten, Silben und Wörtern?

Roland Hanik: Man kann durchaus vom Mund absehen. Wir verwenden in der Regel das Wort absehen und nicht ablesen, da ja man nicht wie aus einem Buch abliest. Es sind jedoch viele Randbedingungen nötig, um überhaupt absehen zu können. Bei Leuten, die einen Schnauz tragen, die beim Sprechen die Hand vor den Mund halten oder nuscheln, ist es schwierig bis unmöglich, abzusehen. Wichtig ist eine deutliche Artikulation. Sie vereinfacht es den Betroffenen, von den Lippen abzusehen.

Weil es viele ähnliche Mundbilder gibt, lernen unsere Patienten das Absehen schrittweise. Wenn man die Technik kennt, fällt es leichter abzusehen. Man muss jedoch sehr viel üben, um eine gewisse Fertigkeit zu entwickeln. Es ist ja nicht möglich, alles aus dem Kontext heraus zu verstehen. Oft fehlt das Schlüsselwort dazu. Hier setzt das analytische Absehen an.

"dezibel": Geben Sie uns ein Beispiel?

Roland Hanik: Ich habe von meiner Mutter ein «dingsbums» geschenkt erhalten. Das Wort «dingsbums» steht hier für das Geschenk, also etwa für ein Buch. Das Schlüsselwort „Buch“ kann aber nicht aus dem Rest des Satzes erschlossen werden. Es muss in seinen Lautbestandteilen analysiert werden.

"dezibel": Sie haben ja eine spezielle Technik dazu entwickelt. Wie funktioniert denn diese?

Roland Hanik: Wir sprechen nicht einfach Sätze vor. Unser Absehkurs ist didaktisch aufbereitet. Das bedeutet, dass wir mit den gut absehbaren Lauten beginnen und diese in Silben und Wörtern üben. Den Patienten wird ein theoretisches Grundwissen vermittelt, auf dem sie aufbauen können. Jeder Hörgeschädigte erhält von uns einen Leitfaden, mit dem er gut zu Hause arbeiten kann. Das ist ein ganz wichtiger Teil unseres Konzepts. Wenn jemand nach zwei Monaten immer noch nicht weiß, dass man die Absehbilder b, p und m verwechseln kann, dann wissen wir, dass er eindeutig zu wenig übt.

 
Die Praxis Roland Hanik
 

Roland Hanik, nach seinem Studium zuerst Lehrer für Gehörlose, gründete 1985 eine Praxis für Sprachtherapie für Hörgeschädigte in München. Sein Ziel war und ist es, die Kommunikationsfähigkeit Hörgeschädigter nachhaltig zu verbessern. Dies gelingt ihm mit großem Erfolg. In seiner Praxis arbeiten heute 22 TherapeutInnen. Roland Hanik hat einen speziellen Absehkurs entwickelt und ihn in über 20jähriger Zusammenarbeit mit den Patienten immer weiter ergänzt und verbessert. Infos: Praxis Roland Hanik, Tel. +49 89-56 16 96, Fax +49 89-58 44 69, Bildtel. +49 89-56 82 27 80, Schreibtel. +49 89-56 96 63, info@praxis-fuer-hoergeschaedigte.de 
www.praxis-fuer-hoergeschaedigte.de

"dezibel": Absehen ist, so scheint es, eine wahre Kunst.

Roland Hanik: Es ist eine Kunst. Man muss das Absehen lernen wie eine neue Sprache. Aber unsere Patienten bestätigen uns immer wieder, dass es Spaß macht, Neues zu lernen und dass sie nach Überwindung der Anfangsschwierigkeiten rasche Fortschritte erzielen. Wenn sie erst einmal bemerken, dass sie mit den Absehbildern „etwas anfangen“ können, ist die schwerste Hürde überwunden.

"dezibel": Wer sich selbst nicht hört, denkt zunehmend in “Schrift“, sagen Sie. Wie muss ich mir das vorstellen?

Roland Hanik: Bei mir in der Praxis war einmal ein spätertaubter Manager. Das Thema einer Stunde waren Wörter mit b am Anfang. Ich sprach das Wort „Bäume“ vor, der Manager wiederholte „Bäume“, gab aber an, dieses Wort nicht zu kennen. Er hatte im Kopf „Bäume“ mit eu geschrieben ( also: „Beume“), und dieses Wort gibt es tatsächlich nicht. Man muss eben über das Absehen des Lautes hinaus diesem auch noch ein ganz bestimmtes Graphem (Buchstabe) zuordnen.

"dezibel": Wenn es um Mundbilder geht, sprechen Sie dann lautlos?

 Roland Hanik: Die Laute sollen ohne Hinhören erkennbar sein. Wir sprechen deshalb die Übungen in der Regel zunächst ohne Stimme. Wenn der Patient noch ausreichend Restgehör hat, wird ihm die Übung auch akustisch angeboten, ohne das Mundbild und dann noch einmal akustisch und visuell, um die beiden Ebenen zusammen zu bringen. Unsere Patienten lernen so darauf zu vertrauen, dass man auch ohne Hören viel versteht.

"dezibel": Gelingt es Betroffenen, ihre Kommunikationsfähigkeit nachhaltig zu verbessern?

Roland Hanik: Ja, das gelingt tatsächlich. Unsere Patienten bestätigen uns immer wieder, dass sie zunehmend besser verstehen und kommunizieren können. Nachhaltig ist dieser Erfolg besonders, wenn die Betroffenen sich laufend weiter mit der Absehtheorie auseinandersetzen. Um das einmal Gelernte nicht zu vergessen, empfehlen wir jährliche Auffrischungskurse, so kann man seinen Level halten.

"dezibel": Wie ist denn der zeitliche Rahmen ausgesteckt, um von einer Therapie zu profitieren?

Roland Hanik: Aufgrund meiner langjährigen Erfahrungen gehe ich von mindestens einem Jahr aus. Das heißt, der Patient kommt wöchentlich eine Stunde zu uns zum Training und übt dann zu Hause und im wahren Leben weiter.

 
Tipp von Roland Hanik – was Hörende wissen sollten
 

Es gibt Wörter und Sätze, die das Verstehen demjenigen, der zumindest zum Teil auf das Absehen angewiesen ist, unnötig schwer machen. Nehmen Sie einen Spiegel zur Hand und probieren Sie es selbst aus. Sprechen Sie den Satz «Setzen Sie sich». Und dann sprechen Sie den Satz «Nehmen Sie bitte Platz».

Was stellen Sie fest? Der erste Satz ist fast nicht absehbar, denn die Lippen öffnen sich fast nicht. Dagegen bietet der zweite Satz dem Absehenden gute Anhaltspunkte, besonders das Schlüsselwort «Platz» ist relativ gut sichtbar. Wer diese Kleinigkeiten bewusst anwendet, erleichtert dem hörbehinderten Partner die Kommunikation sehr.

Ein solcher Hinweis ist manchmal mehr wert als viele Plädoyers für mehr Verständnis. Er räumt nämlich einfach eine Barriere aus dem Weg, und das ist ein weiterer Schritt zum Miteinander von Hörenden und Hörgeschädigten


"dezibel":
Wenn jemand erstmals zu Ihnen in die Praxis kommt, welche Untersuchungen machen Sie?

Roland Hanik: Wir finden, dass ein Sprach- und Tonaudiogramm alleine zu wenig aussagekräftig ist. Wir ergänzen die gängigen Hörtests durch eine Hör-Laut-Untersuchung, die wir selbst entwickelt haben. Wir können so gezielte und sehr individuelle Hör- und Absehtrainingsprogramme ausarbeiten. Wir haben nämlich festgestellt, dass es bei CI-Trägern zu ganz anderen Hörverwechslungen kommt als bei schwerhörigen Hörgeräteträgern. Kennt man solche individuellen Dinge, dann kann man das Absehtraining ganz gezielt an die bestehende Problematik anpassen. Das bedeutet beispielsweise, dass man die Übungsschwerpunkte bei CI-Trägern eher auf die Verwechslungen der Vokallaute legt.

"dezibel": Was beinhaltet eine Therapiestunde?

Roland Hanik: Die Inhalte sind vielfältig: Absehtheorie, analytisches Absehen, Wort- und Satzübungen. Man braucht diese verschiedenen Ebenen. Der situative Kontext wird oft durch ein Bild hergestellt.

"dezibel": Sie arbeiten in Ihrem Training mit Schwerpunktthemen. Ist dies als Hilfestellung für den Alltag gedacht?

Roland Hanik: Ja, denn so finden sich die Patienten im realen Leben sprachlich besser zurecht. Schwerpunktthemen passen wir dem Leben draußen an, wir sprechen im Winter etwa über das Thema Schnee oder im Sommer über das Wandern. Das Erlernen der Absehtheorie ist ja kein Selbstzweck, sondern stellt eine praktische Hilfe für die alltäglichen Sprechsituationen dar. 

"dezibel": Kinder lernen anders und schneller. Gibt es eine spezielle Lernmethode für die Kinder?

Roland Hanik: Mit Kindern arbeiten wir verstärkt mit Bildern. Arbeitsmaterialien wie Spielzeug oder computerunterstützte Sprachtrainingsprogramme erleichtern das Lernen. Der Einsatz der Materialien ist abhängig von der Form der Hörschädigung und den daraus resultierenden Problemen. Grundsätzlich arbeiten wir mit den Kindern altersgemäß und tragen wie bei den Erwachsenen ihren Besonderheiten Rechnung. Wir arbeiten gleichzeitig auch eng mit den Eltern zusammen.

 
Tomate = Dummheit?
 

Des Rätsels Lösung:

Probieren Sie es selbst! Ein Spiegel wäre ein geeignetes Hilfsmittel.


"dezibel":
In Ihrer Praxis bieten Sie ganz unterschiedliche Therapien an.

Roland Hanik: Zum Absehen kommen Hörsprachtraining, Artikulationstraining und ebenso Stimm- und Sprachpflege, Deutsch für Hörgeschädigte, CI-Nachsorge und Sprachtherapien für Kinder. Wir bieten auch Sprachtherapie für Kinder hörgeschädigter Eltern an.

"dezibel": Weshalb die Stimm- und Sprachpflege?

Roland Hanik: Bei längerer Ertaubung verändern sich Stimme und Sprache. Vielfach überartikuliert man. Leute, die sich an der Schrift orientieren, übertreiben ihre Aussprache meist. Da sich die Betroffenen selbst nicht hören, merken sie nicht, dass ihre Aussprache schlecht ist, dass sie nuscheln und ihre Gesprächspartner sie kaum verstehen können. Für diese Menschen wäre es wichtig, Sprachmerkmale wie hoch/tief, laut /leise bewusst zu erleben, solange man sich noch hört, um das Gefühl für Betonung, Modulation und Lautstärke nicht zu verlieren.

"dezibel": Gibt es in Europa einheitliche Therapie-Methoden und Konzepte?

Roland Hanik: Im deutschsprachigen Raum sind die Methoden nicht einheitlich. Es gibt verschiedenste Absehkonzepte.

"dezibel": Die Hörgeräte werden immer besser. Wird ein Absehtraining bald überflüssig?

Roland Hanik: Auch wenn Hörgeräte technisch immer besser werden, können sie das eigene Gehör niemals ersetzen. Die technischen Verbesserungen bringen unter Umständen auch Probleme mit sich. Der Betroffene hört „zu viel“, er kann etwa den Umgebungslärm nicht einfach ausblenden. So wird Hören sehr ermüdend.

"dezibel": In Ihrer Praxis hängt ein Schild. Darauf steht: Tomate = Dummheit? Was bedeutet das?

Roland Hanik: Der Hörende denkt natürlich schon, dass man das Gemüse und die Geisteshaltung nicht verwechseln kann. Hörbehinderte aber können die beiden Worte beim Absehen durchaus verwechseln. Probieren Sie es doch einmal aus und Sie merken, dass die Tomate und die Dummheit das gleiche Mundbild haben.

 

 

 

 

R. Hanik, A. Diehl und Y. Dechant, Fürstenriederstr. 35, 80686 München, Tel. 089-561696, Fax 089-584469, Bildtel. 089-56822760
Mitglied im "Schwerhörigenverein München e. V." und im "Bundesverband Neurofibromatose"