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Von Ertaubung bedroht - Was kann Prävention
leisten?
Die „Praxis Sprachtherapie für Hörgeschädigte
Roland Hanik“ wurde 1985 von Roland Hanik, Yvonne Dechant und Angela Diehl in
München gegründet. Zu dieser Zeit steckte das Wissen um die Möglichkeiten der
Therapie von Hörgeschädigten noch in den Kinderschuhen. Das Erlernen des
sogenannten „Lippenablesens“ und ein systematisches Hör- und
Kommunikationstraining waren weitgehend auf Eigeninitiativen der Betroffenen
begrenzt. Das Ziel des Praxisteams war es, diese Lücke zu füllen und Gehörlosen,
Schwerhörigen, Spätertaubten und Implantatträgern Instrumentarien zur Verfügung
zu stellen, um ihre Lage praktisch und nachhaltig zu verbessern. Im Laufe der
langjährigen Arbeit mit Hörgeschädigten wurden die Methoden durch das
Praxisteam kontinuierlich verbessert. NF2-Betroffene gehören von Anfang an zum
Patientenkreis der Praxis.
Der
vorliegende Artikel gibt einen Vortrag wieder, der von Angela Diehl im Rahmen
eines Seminars der Münchner NF2-Selbsthilfegruppe über die Entwicklung von
Therapiekonzepten für NF2-Betroffene gehalten wurde.
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Angela
Diehl ist Gründungsmitglied der Praxis Roland Hanik in München. Nach
dem Studium der Gehörlosen- und Schwerhörigenpädagogik befasste sie
sich zunächst mit der Weiterentwicklung des Absehprogramms für die
Gruppe der NF2-Patienten. Die Überlegungen zur Stimm- und Sprachpflege
ergaben sich aus der intensiven Einzelarbeit mit den Betroffenen, deren
Problematik über die drohende oder bereits erfolgte Ertaubung weit
hinaus geht.
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Erstes Kapitel: Stimm- und Sprachpflege
Zu
Beginn unseres Seminars haben Sie sich vorgestellt. Für mich war das nicht nur
eine gute Gelegenheit, Sie alle ein wenig kennen zu lernen, sondern auch -
berufsbedingt hellhörig - einmal darauf zu achten,
wie die verschiedenen Personen sprechen. Als NF2-Betroffene haben Sie mit
sehr unterschiedlichen Schwierigkeiten zu kämpfen, denn neben der Hörschädigung
gibt es Gesichtslähmungen, Schäden an Stimmbändern durch Tumore oder als
Folge einer Operation, Schluckprobleme und Sehprobleme. Jeder von Ihnen hat
seine ganz besondere Form des Umgangs damit gefunden, es gibt also auch so viele
unterschiedliche Sprecher wie anwesende Personen. Aber die meisten
NF2-Betroffenen haben Probleme mit ihrer Sprache, oft ohne sich darüber bewusst
zu sein.
Da
niemand von Ihnen mit Gebärden aufgewachsen ist, stellt für Sie die
Lautsprache das wichtigste Kommunikationsmittel dar. Sie wollen und müssen
verstanden werden - und dazu müssen Sie, im Gegensatz zu anderen, Ihre Sprache
pflegen. Was bedeutet das?
Normal
hörende Menschen lernen die Muttersprache durch Imitation. Kinder hören, was
und wie die Mutter oder der Vater spricht, und sprechen das Gehörte nach. Sie
alle konnten Ihre Muttersprache sprechen, noch bevor Sie die erste
Grammatikregel gelernt haben - die Sie wahrscheinlich auch schon längst wieder
vergessen haben. Bis auf die Leute, die sich beruflich mit Sprache befassen, weiß
niemand, wie man ein [a] spricht - man kann es sprechen, weil
man es hören kann und man spricht es, wie man es hört. Probieren Sie es selbst aus:
Was passiert eigentlich, wenn Sie ein [a] sprechen?
Aber
wir lernen die Sprache nicht nur über
das Hören, wir kontrollieren sie auch mit dem Gehör. Wir passen unsere Sprache
unserer Umgebung an. Wenn man einen stillen Raum betritt, senkt man automatisch
seine Stimme, man spricht leiser oder flüstert sogar. Vielleicht haben Sie das
auch schon selber festgestellt. Wenn man z.B. eine Kirche betritt, spricht man
leiser als vorher. Aber wussten Sie, dass Sie auch tiefer sprechen, dass Sie
tatsächlich Ihre Stimme absenken?
Umgekehrt
spricht man auf einer stark befahrenen Straße automatisch lauter. Und wer - wie
ich - aus dem Rheinland nach Bayern kommt, fängt langsam an, seinen Tonfall zu
ändern, und den Eltern fällt auf, dass das Kind richtig „bayerisch“
spricht (für die echten Bayern bleibt so einer natürlich ewig ein
„Nordlicht“).
Wenn
aber diese Selbstkontrolle über das Gehör nicht mehr stattfinden kann, weil
man ertaubt, oder nur noch eingeschränkt stattfindet, weil man nicht mehr alles
hört, dann verschlechtert sich in der Regel auch die Sprache.
Was
können Sie also tun, um der Verschlechterung Ihrer Sprache vorzubeugen?
Das
Wichtigste ist, sich Ihre eigene Sprache bewusst zu machen. Überlassen Sie das
bewusstlose Sprechen den „Hörenden“ und lernen Sie Ihre Sprache kennen.
Machen Sie sich Ihre Sprechtechniken bewusst, machen Sie sich klar, was beim
Sprechen passiert.
Unsere
Sprache besteht aus Einzellauten, die miteinander verbunden werden und zu Wörtern
oder Sätzen zusammengefügt werden. Die Laute sind also die Grundeinheiten
jeder Verständigung. Für die Bildung eines Lautes sind, populär gesprochen,
drei Faktoren wichtig: die Luftführung, die Stimme und die Mundstellung. Sie können
das selbst ausprobieren, indem Sie hintereinander die Silben [ma], [ba] und [pa]
sprechen. Jetzt geht es nicht ums Hören! Was sehen Sie und was fühlen Sie?
Zuerst
das Sehen: Man sieht dreimal dasselbe. Der Mund öffnet sich weit und schließt
sich dann wieder. Das ist alles, was Sie sehen. Es gibt vom Mundbild her keinen
Unterschied zwischen [m], [b] und [p].
Fühlen
Sie: Legen Sie die Hand an den Kehlkopf. Wenn Sie ein [b] sprechen, schwingt der
Kehlkopf mit, bei [p] bleibt er ruhig. Aber bitte nicht [beee] oder [peee]
sprechen, als ob man buchstabieren
würde. Dann nehmen Sie die Hand an den Mund und fühlen Ihren Luftstrom. Bei
[p] ist dieser kräftiger, bei [b] nicht so stark. Beim Laut [m] kommt die Luft
aus der Nase, das fühlt man gut an den Nasenflügeln.
Sie
können also Kontrolle ausüben, wenn Sie wissen, worauf Sie achten müssen.
Eine Sprachtherapie ist in erster Linie dazu da, Ihnen ein zweites Ohr zu sein
und Ihnen bewusst zu machen, wie Sie sich selbst beobachten und kontrollieren können,
wie sie lernen können, Ihre Sprache zu pflegen.
Die hauptsächlichen Sprechprobleme bei Schwerhörigen
oder Ertaubten
Ich
möchte hier nur ein paar Beispiele geben, um
Ihnen deutlich zu machen, wie vielfältig die Veränderungen der Lautsprache
sein können, wenn die auditive Kontrolle mangelhaft ist.
Luftführung
und Zungenstellung
Meine
ersten Ausführungen betreffen die Luftführung
und die Zungenstellung. Diese beiden Artikulationsmomente sind besonders
wichtig bei den stimmlosen Lauten wie z. B. [f], [s], [sch] und [ts] (=
Buchstabe z). Man hört bei diesen Lauten oder Lautkombinationen nur die Reibung
der Luft. Der Luftstrom wird geformt und je nach Zungen-, Zahn- und
Lippenstellung verschieden an die Zähne geleitet und dort gebrochen. Dabei
kommt es darauf an, dass alle beteiligten Sprechwerkzeuge (z.B. Zunge, Lippen,
Kiefer) richtig zusammenarbeiten. Sie können das selbst probieren, wenn sie ein
[s] sprechen und nur ein wenig mit der Zunge spielen. Wird die Zunge auch nur
ein bisschen nach hinten verschoben, hört man sofort ein [sch] oder [ch].
Das
[s] ist sehr problematisch. Bei Patienten, die im Hochtonbereich Hörprobleme
haben, verschlechtert es sich häufig, beispielsweise wenn die Zungenspitze nur
leicht an den vorderen Schneidezähnen anstößt, erklingt das [s]
„gelispelt“. Oft verändert sich auch die
Stärke des Luftstroms. Die Luftreibung wird schwach, sodass diese Laute im
Verhältnis zu den stimmhaften Lauten zu leise gesprochen werden und so im Wort
„untergehen“.
Die
Stellung der Zunge ist aber auch bei den stimmhaften Lauten sehr wichtig. Die
Lautunterscheidung zwischen [o] und [ö], [u] und [ü] ist dafür ein gutes
Beispiel. Wird die Zunge nicht genug oder nicht im richtigen Winkel angehoben,
so klingen die Umlaute verwaschen oder verschwinden ganz als Umlaute, sodass man
statt [ö] immer [o] spricht.
In
den meisten Fällen finden solche Veränderungen relativ unmerklich statt. Die
Sprechpartner, die täglich um einen sind, merken oft gar nicht, dass sich etwas
verändert, weil man sich „einhört“ und den Freund oder Ehepartner nach wie
vor versteht. Im besten Fall wird häufiger nachgefragt oder
über „schlampige Aussprache“ geklagt. Vielen Schwerhörigen fällt
allerdings auf, dass, wenn sie noch telefonieren können, sie nicht nur selbst
oft nachfragen müssen, sondern auch die Gesprächspartner Verständnisprobleme
haben.
Die
Stimme
Die
Stimme ist bei NF2-Betroffenen ein besonderes Problem. Ich will nur ein Beispiel
nennen: Wenn bei einer Operation die Stimmbänder verletzt oder gelähmt werden,
ist eine richtige Stimmgebung nicht mehr möglich. Aber man kann durch gezieltes
Training erreichen, dass ein gesund gebliebenes Stimmband zum Teil die Funktion
des anderen mit übernimmt. Wie ein Sportler seine Muskeln trainieren muss, so
übt ein Sänger seine Stimmbänder. Nun sollen Sie keine Opernsänger werden,
aber eine weiche „angenehme“ Stimme ist nun einmal auch besser verständlich
und vor allem auch für Sie selbst wohltuender zu sprechen als eine
„kratzige“ Stimme mit hohen Luftanteilen. Fehler bei der Stimmbildung
strengen in der Regel sehr an. Das führt dann auch dazu, dass man immer leiser
spricht oder sogar das Sprechen möglichst vermeidet - und so das nötige
„Stimmtraining“ immer weniger wird und sich die Stimme dadurch weiter
verschlechtert.
Stimmlage,
Tonhöhe und Betonung
Mit
unserer Stimme unterscheiden wir aber nicht nur Laute voneinander. Wir geben dem
Gesagten eine Bedeutung. Das kennen Sie aus eigener Erfahrung, von sich und
anderen: Wenn wir wütend sind, fangen wir leicht an zu schreien. Wenn wir
aufgeregt sind, klettert die Stimme in die Höhe. Wenn wir etwas fragen, aber
auch! Wir erkennen am Tonfall Stimmungslagen: Wut, Ärger, Trauer oder Freude.
Ob wir wollen oder nicht, wir teilen unsere Gefühle und Gedanken anderen
mittels der Stimme mit. Von Geburt an taube Menschen können sich das nicht
vorstellen, Spätertaubte müssen sich erinnern, wie sie eine Frage gehört
haben. Schon allein die Vorstellung, wie eine Frage klingt, ist nach der
Ertaubung schwer ins Gedächtnis zu rufen, wenn man als Hörender keine bewusste
Erfahrung mit Intonation und Satzmelodie gemacht hat. Noch viel schwieriger ist
es, diesen Tonfall selbst wieder zu produzieren. Man kann ja eben nicht einfach
imitieren, was der Therapeut einem vorspricht. „Heben Sie die Stimme an!“
dieser Befehl ist für einen Hörenden kein Problem, wenn man es ihm
vormacht, aber für einen Ertaubten nur dann einigermaßen machbar, wenn er noch
als Hörender Stimmhebungs- und Senkungserfahrungen gemacht hat. Gerade an
dieser Stelle kann ich nur eindrücklich zu einer präventiven Stimmpflege
raten.
Jeder
Satz, den wir sprechen, hat eine Melodie, wie ein Lied. Diese Satzmelodie verändert
sich, wenn man sie nicht mehr bei anderen bewusst oder unbewusst wahrnimmt. Die
Sprache wird „monoton“, d.h. sie verläuft nicht mehr in Höhen und Tiefen
ähnlich einer Kurve, sondern eher in einer Linie - sodass es auf den Zuhörer
„ermüdend“ wirkt. Die feinen Differenzen, die das Sprechen normalerweise
auszeichnen und auch spannend machen, fallen in dieser Sprechweise weg. Ich
suche immer nach Beispielen, um einem ertaubten Menschen eine Vorstellung davon
zu vermitteln, wovon ich spreche, wenn es um Wort- oder Satzmelodie geht.
Stellen Sie sich einen Roboter vor, der monoton artikuliert, also nicht leise
und laut, hoch und tief sprechen kann - Sie verstehen vielleicht jedes Wort,
aber Sie tun sich hart, den Zusammenhang zu begreifen oder die Bedeutung, die
mit den Worten gemeint ist. Allein durch die unterschiedliche Betonung kann ein
Satz verschiedene Bedeutungen bekommen:
Hast du mich verstanden?
Hast du mich verstanden?
Hast du mich verstanden?
Das
Ziel der Sprachpflege ist es, dass Sie besser von anderen verstanden werden,
dass Sie etwas dazu tun können, dass andere müheloser, entspannter und besser
mit Ihnen kommunizieren können. Sie schaffen dadurch Ihrem Gesprächspartner
eine angenehme Atmosphäre, ein Gesprächsklima, in dem sich der andere wohlfühlen
kann. Die andere Seite ist, dass Sie selbst den Gesprächspartner besser
verstehen können sollen. Darüber handelt mein zweiter Teil.
Zweites Kapitel: Absehen (Lippenablesen), wie geht
das?
Wenn
ein Patient mit einem Rezept zu mir in die Praxis kommt, auf dem ihm das Absehen
verordnet wurde, höre ich immer wieder den Satz: „Mein Arzt hat mir gesagt,
wenn Sie so schlecht hören, müssen Sie eben von den Lippen ablesen. Machen Sie
ein paar Stunden beim Herrn Hanik.“ Wenn das so leicht wäre!
Kann
man denn „von den Lippen lesen“? Das ist leider, um es in aller Deutlichkeit
zu sagen, nicht möglich. Man kann nicht so von den Lippen lesen, als hätte man
ein Buch vor sich. Eigentlich ist das auch unschwer einzusehen, da das, was sich
auf den Lippen abspielt, nur ein Teil dessen ist, was unsere Sprache ausmacht.
Dieser Teil ist aber entscheidend für die Kunst
des „Absehens“. Um diese Fertigkeit zu erlernen, muss man mit den
Informationen, die das Lippenbild bietet, richtig umgehen lernen.
Die
erste und wichtigste Einsicht ist: Man kann nur dort etwas „absehen“, wo es
etwas zum Absehen gibt.
Für
das Absehen bedeutet das, dass erstens die Verhältnisse entscheidend sind, in
denen sich der Sprecher und der Absehende befinden. Wenn ich hier vor Ihnen
stehe und das Licht auf mein Gesicht fällt, erkennen Sie meine Gesichtszüge
relativ genau. Sobald ich meinen Standort wechsle und zum Fenster gehe, ist mein
Gesicht im Schatten und man sieht den Mund nur sehr undeutlich. Ähnlich ist es,
wenn ich zu weit entfernt stehe oder Sie von der Seite anspreche.
Zweitens
sind alle Umstände störend, die das Mundbild verdecken, wie z. B. wenn eine
Person einen starken Bart trägt oder während des Sprechens raucht.
Drittens
sprechen viele Leute so, dass sie die „Zähne nicht auseinanderbekommen“,
sie zeigen Ihrem Gegenüber nicht, was sich hinter den Zähnen abspielt - und
das ist eine ganze Menge.
Diese
Umstände können Sie für sich selbst verbessern, indem Sie Ihre Gesprächspartner
„erziehen“. Erklären Sie ihnen, dass Sie vom Mund absehen müssen und
deshalb auf deutliches Sprechen angewiesen sind. Aber, und das wissen Sie aus
eigener Erfahrung, solche Appelle haben ihre
Grenzen. Ein schlampiger Sprecher kann sich selten umstellen. Er wird
schnell wieder in seine alte schlechte Gewohnheit zurückfallen.
Aber
- und darauf kommt es mir besonders an - selbst wenn alle Bedingungen optimal
sind und der Sprecher ein sehr gutes Mundbild hat: Man kann von den Lippen nicht
„lesen“. In der wissenschaftlichen Literatur findet sich immer wieder die
Behauptung, dass 9 - 12 Laute gut absehbar seien, und das wäre ja bei 24
Buchstaben schon eine ganze Menge. Aber das ist falsch. In unserer langjährigen
theoretischen und praktischen Erfahrung mit dem Absehen hat sich herausgestellt,
dass es tatsächlich keinen einzigen Laut gibt, den man eindeutig
erkennen kann. Es gibt immer die Möglichkeit einer Verwechslung mit einem oder
sogar mehreren Lauten. Soviel zu den Grenzen des Absehens, die man sich und vor
allem auch anderen bewusst machen sollte.
Nun
zu den Chancen, die Sie haben. Wenn Sie die Mundbewegungen Ihrer Gesprächspartner
verfolgen, können Sie sehr viel erkennen. Sie müssen nur lernen, die
Informationen richtig zu deuten, zu interpretieren. Damit komme ich zur Theorie
des Absehens. Es geht um „Mundbildgleichheiten“ und „Verwechslungsmöglichkeiten“.
Das bedeutet, dass ein Mundbild verschiedenen Lauten zugeordnet werden kann.
Wenn Sie sehen, dass sich der Mund schließt, dann kann das bedeuten, dass der
Gesprächspartner ein [m] spricht.
Es kann aber ebenso ein [b] oder ein [p] sein. Oder eine Sprechpause - der
andere schließt einfach den Mund und hält ihn für einen Moment.
Wenn
Ihnen diese Möglichkeiten bekannt sind, können Sie auch mit Ihrem Wissen
umgehen. Sie bauen dieses Wissen in Ihre Absehpraxis ein, sehen dann das Wort
„Mutter“ und wissen gleichzeitig, dass es sich vielleicht auch um
„Butter“ handelt. An dieser Stelle höre ich oft den Einwand: „Was soll
denn die ganze Theorie! Es gibt doch so viele Verwechslungsmöglichkeiten, und
bis ich überlegt habe, welche davon in Frage kommen, ist nicht nur das Wort,
sondern schon der ganze Satz vorbei. Das dauert doch viel zu lange.“ Aber das
stimmt so nicht. Denken Sie daran, wie Sie das Autofahren gelernt haben. Was
mussten Sie sich alles einprägen! Erstens: Schlüssel ins Schloss stecken.
Zweitens: Umdrehen. Drittens: Gas geben (Wo? Der Hebel rechts oder links?).
Viertens: Kupplung treten usw. Erster Gang, zweiter Gang ...Und heute? All diese
Schritte sind zur Gewohnheit geworden. Was man sich zuerst mühsam merken
musste, wurde bald automatisiert.
So
ähnlich funktioniert es auch mit dem Absehen. Sie lernen Schritt für Schritt
die Theorie, und das Ziel ist, die Verwechslungen „im Schlaf“ zu
beherrschen. Sie sehen dann nicht mehr ein [b], sondern einen Vertreter dieser
Reihe, alle Möglichkeiten sind Ihnen präsent, sind
als Variable vorhanden.
Sie legen sich nicht fest, und das bedeutet, Sie bleiben nicht mehr auf einem
Laut „sitzen“ und suchen
verzweifelt nach einem Wort mit [b], wenn ich über den „Mann“ spreche. Sie
ergänzen den richtigen Laut, das [m], entsprechend dem Zusammenhang, in dem das
Wort steht.
Natürlich
genügt es nicht, die Theorie zu kennen - so als könne man dann absehen, wenn
man die Sache theoretisch beherrscht. Man muss das Gelernte auch anwenden können,
und das erfordert sehr viel Übung. Ein Lippenabsehkurs sollte so aufgebaut
sein, dass eins auf andere aufgebaut wird, dass die gut absehbaren Laute zunächst
im Vordergrund stehen und man sich nach und nach übend an die schlecht bis gar
nicht absehbaren Laute herantastet.
Das bedeutet aber auch, dass es bis
zum „perfekten“ Absehen ein langer Weg ist. Manchmal stellt sich ein spürbarer
Erfolg erst nach längerer Zeit ein. Und man sollte sich die bereits erworbene
Theorie auch immer mal wieder vergegenwärtigen, wenn man den Kurs abgeschlossen
hat, sonst verlernt man vieles auch wieder.
Alles
Gesagte gilt im Übrigen nicht nur für Ertaubte. Jeder, der Hörprobleme hat,
sollte das Absehen lernen, denn es ist das
Mittel, um Defizite beim Hören zu kompensieren.
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P - T
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M -
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Das
Schaubild zeigt den
Zusammenhang von
Hören und Absehen:Das
magische Quadrat
(nach:
Praxis Hanik)
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Zum
Abschluss noch ein kleiner Hinweis: Ihre theoretischen Kenntnisse über
Absehschwierigkeiten und Probleme sind auch für Ihre Mitmenschen ein nützliches
Hilfsmittel. Was Hörende im Umgang mit Hörbehinderten wissen sollten: Es gibt
eben Wörter und Sätze, die das Verstehen demjenigen, der zumindest zum Teil
auf das Absehen angewiesen ist, unnötig schwer machen. Nehmen Sie sich einen
Spiegel und probieren Sie es selbst aus: Sprechen Sie den Satz „Setzen Sie
sich!“ und dann den Satz „Nehmen Sie bitte Platz“.
Der
erste Satz ist fast nicht absehbar, denn die Lippen öffnen sich fast nicht.
Dagegen bietet der zweite Satz dem Absehenden gute Anhaltspunkte, besonders das
Schlüsselwort „Platz“ ist relativ gut sichtbar. Wer diese
„Kleinigkeiten“ bewusst anwendet, erleichtert dem hörbehinderten Partner
die Kommunikation sehr. Ein solcher praktischer Hinweis ist manchmal
mehr wert als viele Plädoyers für mehr Verständnis. Er räumt nämlich
einfach eine Barriere aus dem Weg,
und das ist ein weiterer Schritt zum Miteinander von Hörenden und Hörgeschädigten.
Ich
hoffe, dass ich Ihnen mit meinen Ausführungen weiterhelfen konnte und wäre glücklich,
wenn sie meinen Vortrag als Ermutigung verstehen würden, sich weiterhin mit den
Thema Sprachpflege und Absehen zu beschäftigen.
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